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´Weg zum Licht´ (2001) – eine Auftragskomposition des amj

Im Jahr 2001 erhielt der in der Nähe von Frankfurt lebende deutsche Komponist Rolf Rudin durch den Arbeitskreis Musik in der Jugend (amj) im Rahmen des Projekts ´Komponisten schreiben für Kinder- und Jugendchöre´ den Auftrag, für den Mädchenchor am Essener Dom zu komponieren; der Auftrag das amj lautete, ein Stück von etwa 10 Minuten Dauer zu schreiben, das möglichst viele Chöre singen können.

Rolf Rudin kam in eine Probe des Mädchenchores, um zuzuhören, und nach dem Besuch dieser Probe mit  vielfältigen Höreindrücken berichtete er in einem Gespräch mit dem Chorleiter Raimund Wippermann, dass er sich nun in einem Dilemma sehe: einerseits habe er den Auftrag erhalten, ein Stück zu komponieren, das viele Chöre singen können, andererseits habe er mit dem Mädchenchor am Essener Dom ein ´Instrument´ erlebt, das ihn als Komponisten natürlich zu ´Besonderem´ inspiriere. Letzten Endes entschied er sich dann, ein Werk für diesen Chor zu schreiben, auch wenn dies dann zu Folge hätte, dass nicht jeder Chor es singen könne.
In seinen intensiven Gesprächen mit den Mädchen hatte er gehört, dass die Sängerinnen des Chores explizit an einem geistlichen Stück interessiert seien, und die ihm vorschwebende Thematik „Licht“ in ihrer mehrschichtigen Bedeutung hatte sich in diesem Gespräch als auch für die Mädchen interessant herausgestellt. Auf dieser Basis entstand in der ´Werkstatt des Komponisten´ zunächst einmal aus einer großen Auswahl von Texten zu dieser Thematik eine ´Text-Komposition´ [im Sinne des lateinischen Wortes ´componere´: zusammen legen], die biblische und lyrische Texte zu einem Zyklus von inhaltlicher Geschlossenheit zusammenfügt.

Diese Text-Komposition baut sich inhaltlich wie folgt auf:
den Rahmen  bilden Texte, die sich an den Prolog des Johannes-Evangeliums anlehnen:

  • im 1. Satz heißt es : „Im Anfang  –  das Wort  –  Gott  –  im Wort  –  das Leben  –  das Licht“
  • im 7. Satz heißt es: „Ich bin das Licht der Welt. Das Ende aller Dinge ist Licht. Gott ist das Licht.“

die Mitte bildet mit dem 4. Satz ein ´Kleines Gebet´ mit einem Text von Dietrich Bonhoeffer:

  • „In mir ist es finster  –  aber bei dir ist Licht.“

Diese Texte bilden die ´gedankliche Achse´ des Werkes und thematisieren das Bekenntnis zu GOTT als dem ´Licht für die Welt´, gesprochen aus dem Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes, in dem sich ´das göttliche Lebensprinzip´ als für die Menschen greifbar geoffenbart hat.
Zwischen diesen Polen werden im ersten und zweiten Teil kontrastierende Bilder einander gegenüber gestellt:
im ersten Teil des Werkes werden zwei Bilder von ´nicht gelungenem Leben´ entfaltet:

  • der 2. Satz vertont einen Text von Erich Fried; dieser Text spricht davon, dass es auch Leben gibt, dass nicht gelingt [Erich Fried formuliert: „auch ungelebtes Leben geht zu Ende . . .“] und dass auch diesem Leben eine Grenze gesetzt ist; angesichts dieser Grenze lohnt es nicht, `Kraft und Ressourcen´ zu sparen, um für sich mehr zu haben [Fried: „da hättest du genauso gut leuchten können . . .“];
  • der 3. Satz spricht von dem sinnlosen Lichterglanz einer Stadt, in der es von Lichtern aller Art [„Lichtkaskaden, Lichterorgien, Lichtreklamen, Großstadtlichter“] nur so wimmelt, während es gleichzeitig in den Herzen der Menschen dunkel ist [„aber in mir ist es finster, und in andern Leuten auch. Lass uns, Herr, inmitten der Licht-losen Wirklichkeit . . . ein kleines Licht wahrnehmen . . .“];

im zweiten Teil des Werkes werden diese Erfahrungen von ´nicht gelungenem Leben´ aus dem christlichen Gauben heraus beantwortet, indem zu ihnen ein ´Gegenentwurf´ gemacht wird:

  •  der 5. Satz entfaltet als Gegenentwurf zum Ich-bezogenen Leben, von dem Erich Fried spricht, das Bild einer Kerze, die, indem sie verbrennt, für die Welt Licht und Wärme spendet, und überträgt dieses Bild auf den Menschen [„Wer gibt, wird nicht als Kerzenstummel enden, sondern ist wie ein Licht, das nie mehr verlischt . . .“];
  • der 6. Satz schließlich stellt der zwar Licht-durchfluteten, aber dennoch nach dem wahren Sinn suchenden Großstadt unserer Tage das Bild vom ´himmlischen Jerusalem´ gegenüber, jener im Glauben erwarteten ´neuen Stadt´, in der sich unser Leben im Leben im Lichte Gottes vollenden wird.

Auf diese Weise bietet bereits die ´Text-Komposition´ in vielerlei Hinsicht Anlass zum Nachdenken, und den in den Texten entfalteten Gedanken wird in der musikalischen Sprache der 7-sätzigen Komposition in vielfältiger Weise Raum zur Entfaltung gegeben:

  • es gibt in der Harmonik Akkorde, die bestimmten Begriffen sozusagen ´fest zugeordnet´ sind [A-Dur und Fis-Dur für ´Licht´ und die damit assoziierten Begriffe; b-moll für Sinnleere und ´Gottes-Ferne´, um nur drei Beispiele zu nennen];
  • es gibt in der  Satzweise einen in hohem Maße bewussten Umgang mit der Anzahl der Stimmen vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Zahlensymbolik [die Zahl ´3 ´ mit ihren Vielfachen als Symbol für ´das Göttliche´, die Zahl ´4´ mit ihren Vielfachen als Symbol für ´das Irdische und Begrenzte´, die Zahl ´7 ´ als Symbol für die ´Verbindung der göttlichen mit den menschlichen Sphäre  –  um nur die einfachsten Beispiele zu nennen];
  • es gibt in der harmonischen Satzweise eine ´moderne Klangsprache´, die traditionelle Klänge miteinander mischt und damit zu einem Klangbild kommt, das vergleichbar ist mit den Farben von sich in einem Prisma brechenden Sonnenstrahlen [z.B. gleich am Beginn des 1. Satzes]; dabei ´erweitern die Klänge den Horizont´  entsprechend dem Inhalt des Textes [1. Satz: mit Jesus Christus ´kommt eine neue Dimension in die Welt´; 7. Satz/Ende – „denn Gott ist das Licht“: hier erklingen nur Dur-Dreiklänge, die aber in ihrer engen Schichtung eine  ´wirklich neue Dimension´  eröffnen];
  • es gibt zwischen den einzelnen Sätzen vielfache melodische, rhythmische und harmonische Bezüge, die die vertonten Texte miteinander verbinden;
  • und schließlich und letztlich: der Chorsatz entfaltet von der 3-Stimmigkeit bis zur 24-Stimmigkeit, wobei auch dies immer mit den Inhalten der Texte korrespondiert.

Diese exemplarischen Erläuterungen sollen andeuten, wie vielschichtig und tief die hier vorliegende Komposition ist. Selbstverständlich werden dies die Hörerin und der Hörer nicht unbedingt bewusst wahrnehmen, und doch glaube ich, dass sie spüren werden, dass hier ´ein besonderes Werk´ erklingt  –  in der gleichen Weise, in der man auch, vor einem bedeutenden Bauwerk oder Gemälde stehend, spürt, dass dies ´etwas Besonderes´  ist, ohne gleich sagen zu können, worin das ´Besondere´ denn bestehe.
Dass dieses ´Besondere´ jedoch mit aller Deutlichkeit wahrgenommen wird, davon gibt die Arbeit der Mädchen mit dieser Musik ein beredtes Zeugnis: immer wenn wir diese Stücke heraus holen, um sie zu proben und dann in Gottesdienst und Konzert aufzuführen, gibt es sofort eine sehr hohe Motivation, daran genau zu arbeiten, und nach wie vor sind die Mädchen alle sehr begeistert von dieser Musik  –  es ist ein großes Glück, dass wir auf diesen Komponisten gestoßen sind, und wir sind dafür in hohem Maße dankbar.

 

Raimund Wippermann

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