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Aus Sicht des Spielers

Für die Festschrift zur Weihe der Rieger-Orgel resümierte vor zehn Jahren der damalige Domorganist Jürgen Kursawa in seiner Antwort auf die Frage „Welche Orgel bekommen wir denn nun eigentlich?“ wie folgt:

„… ein Instrument am Beginn des 21. Jahrhunderts, geschaffen für die Erfordernisse der Hohen Domliturgie, ein Instrument zur Realisierung geistlicher Konzerte, ein Instrument, welches seinen Platz gefunden hat an einer Stelle, die auf eine nunmehr 1152-jährige Geschichte zurückblickt. (…) ein Instrument, welches in seiner klanglichen Konzeption auf unterschiedlichste Weise stets charakteristisch werden kann und dabei außerordentlichen Reichtum aufweist. Es ist ein Instrument, welches dem Organisten unendliche Möglichkeiten offenbart und ihn damit in gleichem Maße fordert.“

 

Ich habe seit einigen Monaten die Freude, diese Orgel täglich spielen zu können und kann mit der daraus resultierenden Vertrautheit mit dem Instrument die Worte meines Vorvorgängers nur unterschreiben: die Rieger-Orgel im Hohen Dom zu Essen bietet dem Spieler alles an, fordert aber auch alles von ihm.

Sogenannte „Standardregistrierungen“ (also nach Schema F realisierte Klänge) sind nicht die Art und Weise, auf die sie gespielt werden will; es heißt, jedes Register in seinen individuellen Eigenschaften für sich zu entdecken und nicht dem Namen nach, sondern funktionell gedacht einzusetzen: es klingt ein beispielsweise ein Organum plenum, bei dem im Hauptwerk – den Quellen entsprechend – alle Prinzipale und Mixturen gezogen sind, zwar sehr schön, ist aber weit von der Vielschichtigkeit und Durchhörbarkeit des Klangs entfernt, der entsteht, wenn man aus dem Registerfundus der Manuale die funktionell Notwendigen verwendet – am Spieltisch und auf dem Papier liest es sich erstaunlich, wenn dann die Flûte harmonique 8′, Quinte 2 2/3′, Superoctave 2′ und Trompete 16′ aus dem Hauptwerk neben Principal 8′, Prestant 4′, Rohrflöte 4′, Larigot 1 1/3′ und Scharff aus dem Positiv neben Bourdon 8′, Viola 8′, Fugara 4′, Traversflöte 4′, Fourniture und Hautbois 8′ aus dem Schwellwerk gezogen sind. Das Ergebnis aber ist von einer Tiefe und Vielschichtigkeit, von einer leuchtenden Brillanz und gleichzeitig umfassenden Größe, dass man es kaum zu glauben vermag. Und es sind dann nur minimale Veränderungen notwendig, um aus diesem gravitätischen, reichen Klang einen sehr beweglichen, schnellen, gleißenden zu machen, nur minimale Veränderungen, um das Barocke des Klangs in eine früh- oder hochromantische Klangsprache abzuwandeln…
Und das ist für mich das immer wieder neu Faszinierende an diesem Instrument: da aufgrund der breiten stilistischen Anlage der Orgel die Register gewissermaßen mehrsprachig wirken müssen und dadurch nicht restlos in einem konkreten Stil „ausgeformt“ sein können, sind sie unglaublich geschmeidig und flexibel verwendbar. Diese Flexibilität setzt sich auch in der Dynamik fort – nicht nur im breiten dynamischen Spektrum zwischen Aeoline 8′ und dem Bombardwerk des Auxiliaire, sondern auch in der inneren Anlage: dadurch, dass drei Werke in äußerst wirkungsvollen Schwellern stehen, lässt sich beispielsweise auch ein pianissimo mit dem reichen, großen Klang eines Mixturplenums realisieren.

Die Suboktavkoppeln wirken zusätzlich als farbliche, nicht in erster Linie dynamische Ergänzung; die Palette der Zungenregister ist denkbar weit abgedeckt von der spöttelnden Voix humaine 8′ über die melancholische, durchschlagende Clarinette 8′ bis hin zu den schmetternden Trompettes im Schwellwerk. Und das Spiel mit dem Auxiliaire fügt allem nochmals eine weitere Dimension hinzu. Kurz: das oft gebrauchte Klischee von unerschöpflichen Klangfarben findet hier seine beglückende Realisierung.

 

Für die tägliche Arbeit in Liturgie und Konzert stellt dieser Reichtum gekoppelt mit einer kaum besser vorstellbaren Spielanlage eine nie versiegende Quelle an Inspiration, Herausforderung und Freude dar.

 

 

 

Sebastian Küchler-Blessing, Domorganist